Die Areopagrede des Paulus als Vorbild des interreligiösen Dialogs

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Novalis
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Die Areopagrede des Paulus als Vorbild des interreligiösen Dialogs

Beitrag von Novalis » Mi 14. Feb 2018, 00:20

ThomasM hat geschrieben:Die im Westen um sich greifende Abkehr vom Glauben bzw. die Hinwendung zu anderen Glaubensformen ist eine Reaktion auf diese Zersplitterung. Das Christentum kann es sich nicht leisten, weiter gegeneinander zu agieren, oder Gott wird diese Gegend zum nicht-christlichen Abendland machen


Richtig. Das Christentum befindet sich heute in einer ähnlichen Situation, wie in seiner Anfangszeit.Paulus scheint hier das passende Vorbild zu sein.

Paulus ist in der Metropole griechischer Kultur und Bildung. Da geht es um die Begegnung mit dem hellenistischen Heidentum. So begegnet er zum Beispiel den Philosophen, insbesondere Epikureern und Stoikern. Er hat keine Scheu und diskutiert mit ihnen, auch wenn diese stolz und herablassend, wie das Bildungsbürgertum aller Zeiten, sagen: "Was will denn dieser Schwätzer?" – Wer das Evangelium Jesu Christi einer fremden Welt verkünden will, muss auch mit Hohn und Spott rechnen. Die Athener halten Paulus für irgendeinen "Verkünder fremder Gottheiten".

"Sie nahmen Paulus mit, führten ihn zum Areopag und fragten: Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du vorträgst? Du bringst uns recht befremdliche Dinge zu Gehör. Wir wüssten gern, worum es sich handelt. Alle Athener und die Fremden dort taten nichts lieber, als die letzten Neuigkeiten zu erzählen oder zu hören. Da stellte sich Paulus in die Mitte des Areopags und sagte: Athener, nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT." (Apostelgeschichte 17, 19-23a)

Deutschlandfunkkultur: Wir sind von seiner Art

Wie viele Christen sind heute so dialogfähig und bereit sich zum „Areopag“ zu begeben? Heute würde Paulus aber vermutlich nicht die Athener, sondern eine andere Gruppe von Menschen ansprechen: Muslime, nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging und mir eure Moscheen ansah, fand ich einen Altar mit der Aufschrift:

La ilaha illa Allah. „Es gibt keinen Gott außer Gott“ (Übersetzung Paret)


:) Aber es bleibt nicht bei einer höflichen Verneigung vor den Athenern. Paulus kommt zur Sache und vermittelt ihnen die Botschaft von Jesus Christus.

"Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch" (Apg 17, 23b)


Paulus war überzeugt davon, den Athenern das Geheimnis des unbekanntes Gottes entschlüsseln zu können, jener Eine und Einzige, der Himmel und Erde erschaffen hat, der allem, was ist, Leben und Atem gibt.

Paulus kommt seinen Zuhörern auf dem Areopag entgegen. Die nämlich möchten die Kraft ihrer Götter in dieser Welt ganz natürlich erfahren. Paulus ist wohl auch zuversichtlich, dass alle Menschen Gott finden können. In seiner Vorstellung rücken Gott und Mensch eng zusammen. Der Apostel geht sogar so weit, dass er von einem "Ertasten", also von einer Art Berühren spricht. Ich finde das beeindruckend. Wir alle möchten ja mit unseren Sinnen das Heilige wahrnehmen, ganz direkt spüren, wie uns das Göttliche berührt. Für Paulus ist das nicht abwegig: Er bringt Gottes Nähe ganz direkt zum Ausdruck:

"Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir, wie auch einige von euern Dichtern gesagt haben: Wir sind von seiner Art. Da wir also gottesgebürtig sind, dürfen wir nicht meinen, das Göttliche sei wie ein goldenes oder silbernes oder steinernes Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung." (Apostelgeschichte 17, 28-29)"Wir sind von seiner Art." Oder: "Seiner gebürtig sind wir ja." Wie immer man es präzise aus dem Original übersetzen mag: Dieser Satz ist unter den Gebildeten der damaligen Zeit ein bekanntes Zitat und stammt vom Dichter Aratos – und zwar aus dessen Lehrgedicht »Phainomena«, das um etwa 270 v. Chr. entstand. Paulus muss es gekannt haben.


Merkt ihr was? Paulus kannte die griechische Literatur und Philosophie der damaligen Zeit. Er hat sie bewusst aufgegriffen, um den Menschen auf der Basis ihrer eigenen Mentalität das Evangelium nahe zu bringen.Das wäre so, als würden Christen heute im Dialog mit gläubigen Muslimen Rumi, Saadi, Fariduddin Attar oder Ibn Arabi aufgreifen. Perfekt eignet sich dafür dieses Gedicht, welches übrigens aus dem Jahr 1259 stammt ...


Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider .
Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, daß er noch des Menschen Namen führt.

~ Saadi


Über den „Gott der Liebe“ schreibt Kaveh Dalir Azar in seiner „Massnawi“ Übersetzung:

„Die Religion der Liebe kennt keine Rassendiskriminierung und kein Krieg und Blutvergießen sind mit dieser Religion vereinbar. Ihre Anhänger sind mit der Liebe bewaffnet, der absolute Friede ist ihre Parole. Mit der Kraft der Liebe machen sie aus Dornen – Rosen, aus Essig – Wein, aus Bestien – Engel und aus Wegelagerern – Wege-führer. Ihre Welt ist unendlich, ihr Blick durchstößt die engen Grenzen des Raumes und richtet sich auf die Raumlosigkeit. Ihr hohes Streben ist so stark, dass sie in einem Augenblick die Sonne ergreifen können.

Der Maßstab zur Beurteilung der Menschen ist nicht ihre Position, ihr Wissen, ihr Verhalten oder ihr Vermögen, sondern die Reinheit ihres Herzens. Der Prophet Moses zwang als Auserwählter Gottes den mächtigen Pharao in die Knie und musste sich doch vor der erhabenen spirituellen Reinheit eines namenlosen Schafhirten verneigen. Nicht wenige Könige haben, nachdem sie der ewige Strahl dieses Lichtes getroffen hatte und sie ein wenig von diesem Entzücken gekostet haben, wie Ibrahim, ihr Königreich auf- und sich dem Feuer der Liebe hingegeben. Nicht wenige Strenggläubige haben für einen Tropfen vom Wein der Liebe ihre jahrelange Enthaltsamkeit dem Wind des Vergessens überlassen. Nicht wenige Intellektuelle und Gelehrte haben, von einem Blitz aus dem Himmel der Wahrheit getroffen, ihr Wissen und ihren Intellekt in den Ozean des Entwerdens geworfen.

Die Ekstase, die durch den Genuss des Weins der Liebe ausgelöst wird, wirkt als Elixier und verwandelt das wertlose Kupfer der zeitlichen Existenz in reines Gold. Das ist der Hauptzweck der Schöpfung, deren anfangloser Beginn, der vom Urewig Geliebten kommt. Er hat den Menschen aus seiner unsichtbaren Schatzkammer ein einmaliges Juwel zum Geschenk gemacht, vor dessen Erhabenheit sich die Engel niederwarfen. Die Vorsehung wollte, dass dieses Juwel der Liebe in die Menschen eingepflanzt wird, damit der Unvergleichlich Geliebte sich darin betrachten kann. Das ist die größte Gnade, die den Menschen zuteil wird. “

~ Gipfel der Liebe. Ausgewählte Vierzeiler von Rumi in Persisch und Deutsch. Ali Ghazanfari,
Teheran im Jahr 2009


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Re: Die Areopagrede des Paulus als Vorbild des interreligiösen Dialogs

Beitrag von Novalis » Mi 14. Feb 2018, 01:36

An dieser Stelle sei noch auf den Podcast „The Areopagus: Historic Christianity Encounters Other Religious Traditions“ von Fr. Andrew Stephen Damick (ein orthodoxer Christ) und Pastor Michael Landsman (ein Pastor mit evangelischem Hintergrund) hingewiesen.

Als die frühen Apostel oder unser Herr Menschen begegneten, die sich nicht gegen sie stellten, aber anders glaubten, wenn es um den Glauben ging, wie haben sie sich verhalten? Wir haben ein Beispiel in der Apostelgeschichte mit der Begegnung des Apostels Paulus auf dem Areopagus. Dieser Podcast handelt von der Begegnung des historischen Christentums mit anderen religiösen Traditionen. Wir werden viele Themen und häufige Gäste haben und wir versprechen informative Diskussionen, ohne die Wahrheit zu kompromittieren.


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http://www.ancientfaith.com/podcasts/areopagus

3 Good Ways and 3 Bad Ways to Talk Religion

[youtube]YcZPE2dKwi8[/youtube]
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