Die SPD und ihre Identitätskrise

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piscator
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von piscator » Mi 9. Mai 2018, 13:11

Bei der SPD, der ich immer noch ein bisschen im Herzen verbunden bin, habe ich oft den Eindruck, als wäre sie irgendwie aus der Zeit gefallen.
Und das Auftreten der Andrea Nahles? :roll: Du meine Güte.

Die SPD ohne Brandt, Wehner, Schiller und Schmidt ist ähnlich wie Queen ohne Freddy Mercury. Der Name lebt weiter, der Inhalt zehrt von alten Zeiten.
Als Gott mich schuf wollte er angeben!

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closs
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von closs » Mi 9. Mai 2018, 13:36

piscator hat geschrieben:Die SPD ohne Brandt, Wehner, Schiller und Schmidt ist ähnlich wie Queen ohne Freddy Mercury. Der Name lebt weiter, der Inhalt zehrt von alten Zeiten.
Das ist eh das Problem von (ehemaligen) Volksparteien - das andere Problem ist: Wer soll es denn richten?

Gut - wenn die Union sozial nicht Richtung FDP driftet, könnte die SPD wirklich obsolet sein. - Aber wer kann das garantieren? - Oder andersrum: Was passiert, wenn die Union wieder mehr zur Wirtschaftspartei wird: Wer soll dann das Drittel aus Geringverdienenden und vor allem Rentner demokratisch vertreten? - Die Grüne? Ist selber eine Wohlstandspartei geworden. - Die FDP? Eh nicht. - Bleiben noch die LINKE und die AfD.

Oder noch weiter gedacht:
Ab ca. 2020 rechnet man mit einer anhaltenden Abkühlung der Konjunktur, die einhergeht mit demographischen Effekten, welche die nächsten Jahrzehnte (volkswirtschaftlich negativ) prägen werden. - Laut ZEIT ist mit einer merklichen Reduzierung des allgemeinen Wohlstands zu rechnen: "Es wird uns noch gut gehen, aber wir werden ein Drittel weniger zum Ausgeben haben". - Wer soll die Gesellschaft dann demokratisch auffangen? Parteien, die NICHT über Bürgerversicherung, etc. nachdenken? - Glaube ich nicht.

Du und ich: Wir haben es "geschafft" - wenn das richtig losgeht, sind wir richtig alt und ausreichend abgesichert. - Aber was danach kommt, wird diejenigen, die in der gängigen Mischung aus Egomanie-Kult, geistiger Orientierungslosigkeit und Wohlstand formatiert wurden, vor große Umbrüche stellen - die ja nach Möglichkeit demokratisch gelöst werden sollten ...

Allerdings haben schlechtere Zeiten auch einen Vorteil: Man verhakt sich nicht mehr in Luxus-Fragen, ob man überall eine dritte Toilette für "divers" bauen sollte und ob es "Salzstreuer" oder "Salzstreuerin" heißen muss. :lol: - Dann ist Schluss mit Peripherie, dann geht es ab in die Mitte.
Zuletzt geändert von closs am Mi 9. Mai 2018, 17:44, insgesamt 1-mal geändert.

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PeB
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von PeB » Mi 9. Mai 2018, 13:55

Das Problem der SPD ist, dass sie bei der Bewältigung der Krisen punkten will, die sie selber hervorgerufen hat. Die Bürgerinnen und Bürger merken das doch. Wenn ich einerseits eine Agenda 2010 ins Leben rufe und mich dann damit profilieren will, dass ich die daraus abgeleiteten Negativfolgen verurteile, dann ist das das Gegenteil von glaubwürdig.
Deine Worte sind mein Leben. Ich freue mich von Herzen, wenn du mit mir redest, denn ich gehöre ja dir, Herr, du Allmächtiger. (Jeremia 15,16)

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sven23
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von sven23 » Do 10. Mai 2018, 10:28

PeB hat geschrieben:Das Problem der SPD ist, dass sie bei der Bewältigung der Krisen punkten will, die sie selber hervorgerufen hat. Die Bürgerinnen und Bürger merken das doch. Wenn ich einerseits eine Agenda 2010 ins Leben rufe und mich dann damit profilieren will, dass ich die daraus abgeleiteten Negativfolgen verurteile, dann ist das das Gegenteil von glaubwürdig.
Genau so ist es.
Die SPD hat aber noch nicht den Mut, sich offiziell von der Schröderschen Agendapolitik zu lösen, weil das jetzige Personal wohl noch zu sehr persönlich darin verstrickt ist.
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piscator
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von piscator » Do 10. Mai 2018, 13:12

sven23 hat geschrieben:Die SPD hat aber noch nicht den Mut, sich offiziell von der Schröderschen Agendapolitik zu lösen, weil das jetzige Personal wohl noch zu sehr persönlich darin verstrickt ist.
Die SPD sollte schleunigst Alternativen zur Agenda vorstellen, sonst wird das nix. Und die alte linke Leier von Steuererhöhungen für Reiche hilft da auch nicht weiter, weil die Menschen inzwischen kapiert haben, dass der normale Angestellte und Facharbeiter aus Sicht der SPD als reich gilt und hemmungslos abkassiert wird.

Ich persönlich fand damals die Agenda21 und Hartz4-Regelungen nicht mal so schlecht. Das war alles gut gemeint und hat halbwegs funktioniert.

Man wollte es Arbeitslosen leichter machen, wieder ins Arbeitsleben zurückzukehren. Das war gut gemeint, scheiterte allerdings u.a. daran, dass auch die SPD die Bedingungen und den Bürokratismus für Arbeitgeber verschlimmbessert hat. Nicht natürlich für die Konzerne, den Konzerne, Gewerkschaften und Parteien sind aus meiner Sicht eh der gleiche Brei und wenigstens in der Spitze gegeneinander austauschbar.

Nein, davon betroffen waren die kleinen Industriebetriebe, das Handwerk und die freien Berufe. Wer schon mal eine Schwangere beschäftigt hat, weiß, was ich meine.
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Magdalena61
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von Magdalena61 » Fr 11. Mai 2018, 01:27

piscator hat geschrieben:Die SPD ohne Brandt, Wehner, Schiller und Schmidt ist ähnlich wie Queen ohne Freddy Mercury. Der Name lebt weiter, der Inhalt zehrt von alten Zeiten.
Ja, so kommt mir das auch vor. Franz Müntefering und Peter Struck wären noch zu nennen. Der Mann mit der Pfeife.

Andrea Nahles ist vollkommen unmöglich. (!)

Und die Jungen (Jüngeren) lassen sie nicht ran.
LG
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piscator
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von piscator » Fr 11. Mai 2018, 12:45

Magdalena61 hat geschrieben:
piscator hat geschrieben:Die SPD ohne Brandt, Wehner, Schiller und Schmidt ist ähnlich wie Queen ohne Freddy Mercury. Der Name lebt weiter, der Inhalt zehrt von alten Zeiten.
Ja, so kommt mir das auch vor. Franz Müntefering und Peter Struck wären noch zu nennen. Der Mann mit der Pfeife. Andrea Nahles ist vollkommen unmöglich. (!)
Die Frau ist ein Machtmensch, ein Alphatier, sonst wäre sie nicht an der Spitze dieser Partei. Große Klappe, rechthaberisch, eingebildet, frech und ohne nennenswerte Erziehung und Manieren. Genauso wie man sich den typischen Juso auf den Barrikaden, bei der Hausbesetzung oder bei irgendeiner Demonstration vorstellt. Auch irgendwie in den sechziger Jahren hängengeblieben.
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Re: Kruzifixe in bayrischen Behörden

Beitrag von R.F. » Fr 11. Mai 2018, 14:12

closs hat geschrieben:
sven23 hat geschrieben:Nein, der wahre Grund für den Niedergang der SPD liegt in Schröders Agenda-Politik, von der sich auch das heutige Personal nicht wirklich distanziert hat. Der Eiertanz kommt beim Wähler nicht an.
Wobei ich da schon Verständnis habe - die SPD ist sowohl links als auch patriotisch. - Das heißt: Sie hat Visionen, stellt sich aber auch der praktischen Verantwortung. - Diese Doppel-Funktion scheint in der heutigen Demokratie nicht so super gut anzukommen - bereits zu kompliziert. :devil:
Die SPD patriotisch? Die während Jahrzehnten u.a. durch Niedriglöhne angesammelten Geldvermögen wurden aus verschiedenen Gründen ins Ausland verbracht. Überschlägig berechnet, muss es sich um zig Billionen handeln, die der deutschen Wirtschaft nicht mehr zur Verfügung stehen. Das hat die deutsche Politik stark abhängig gemacht. Würde Frau Merkel einen zu harten Kurs gegen Trump in der Iran-Frage fahren, drohte den Deutschen der Verlust ungeheurer Vermögen.

Zumindest die SPD-Spitze weiß um das Dilemma. Schulz verlor lieber die Wahl, als sich mit der Wirtschaft anzulegen. Nein, patriotisch ist die SPD nicht. Sonst hätte sie die Unabhängigkeit der deutschen Politik mehr im Blick.

Trotz allgemeiner Kurzsichtigkeit heutiger Politiker, gibt es doch welche, die dem gegenwärtigen System nicht mehr viel Zeit geben, vielmehr eine neue Weltordnung erwarten. Fehlen zur Zeit an den Machthebeln "nur" noch die passenden Politiker ...

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sven23
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von sven23 » Sa 12. Mai 2018, 07:35

piscator hat geschrieben:Bei der SPD, der ich immer noch ein bisschen im Herzen verbunden bin, habe ich oft den Eindruck, als wäre sie irgendwie aus der Zeit gefallen.
Und das Auftreten der Andrea Nahles? :roll: Du meine Güte.

Die SPD ohne Brandt, Wehner, Schiller und Schmidt ist ähnlich wie Queen ohne Freddy Mercury. Der Name lebt weiter, der Inhalt zehrt von alten Zeiten.
Man muss aber ehrlicherweise auch sagen, dass die Krise der Sozialdemokratie ein europaweites Phänomen ist.
Der klassische Wähler, also der Industriearbeiter z. B. in der Stahlindustrie oder im Bergbau, ist ihr durch Strukturwandel abhanden gekommen.
Die Transformation in die bürgerliche Gesellschaft hinein will nicht so recht gelingen.
Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.
George Orwell

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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von R.F. » Sa 12. Mai 2018, 10:37

sven23 hat geschrieben:
piscator hat geschrieben:Bei der SPD, der ich immer noch ein bisschen im Herzen verbunden bin, habe ich oft den Eindruck, als wäre sie irgendwie aus der Zeit gefallen.
Und das Auftreten der Andrea Nahles? :roll: Du meine Güte.

Die SPD ohne Brandt, Wehner, Schiller und Schmidt ist ähnlich wie Queen ohne Freddy Mercury. Der Name lebt weiter, der Inhalt zehrt von alten Zeiten.
Man muss aber ehrlicherweise auch sagen, dass die Krise der Sozialdemokratie ein europaweites Phänomen ist.
Der klassische Wähler, also der Industriearbeiter z. B. in der Stahlindustrie oder im Bergbau, ist ihr durch Strukturwandel abhanden gekommen.
Die Transformation in die bürgerliche Gesellschaft hinein will nicht so recht gelingen.
Dass in einer angeblich christlichen Gesellschaft die Interessen der Arbeitnehmer von einer politischen Partei wahrgenommen werden müssen, ist ein Armutszeugnis für die Christenheit. Jakobus verweist im 5. Kapitel seines Briefes auf die Ursache für die weit verbreitete Armut: Gier. Er sagte den Spitzen der Nehmerklasse ihre Vernichtung vorher. Nur - wer nimmt solche Worte noch ernst?

Kenner der Schrift - damit meine ich selbstverständlich nicht Theologen, die der Historisch-kritischen Methode biblischen Exegese erlegen sind - könnten Frau Dr. Merkel vor dem weiteren Folgen vor einem “Weiter-so” warnen. Wahrscheinlich aber ist es längst zu spät für gewaltfreie Veränderungen zugunsten bisher benachteiligter Schichten.

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