Die SPD und ihre Identitätskrise

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piscator
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von piscator » Sa 12. Mai 2018, 14:11

sven23 hat geschrieben:Man muss aber ehrlicherweise auch sagen, dass die Krise der Sozialdemokratie ein europaweites Phänomen ist.
Der klassische Wähler, also der Industriearbeiter z. B. in der Stahlindustrie oder im Bergbau, ist ihr durch Strukturwandel abhanden gekommen.
Die Transformation in die bürgerliche Gesellschaft hinein will nicht so recht gelingen.
Die Arbeitswelt hat sich verändert. Leider hat dies die SPD nicht gemerkt.

Ich habe auf meinem Schreibtisch gerade die Einkommensteuererklärung eines Gießers, der bei Daimler-Benz beschäftigt ist, liegen. Der Mann hat EUR 71.855,00 auf der Jahreslohnbescheinigung, seine Frau verdient im Jahr EUR 34.275,00. Das Geld bekommt man nicht geschenkt, da muss man hart ran.

Die SPD kann mit diesem Mann nichts anfangen. Auf der einen Seite gehört er aus deren Sicht zu den geknechteten, ausbeuteten Industriearbeitern, der in einer muffigen Hinterhofwohnung, bestehend aus eine Wohnküche und Etagenklo haust, auf der anderen Seite gehört er mit einem Jahreseinkommen von EUR 106.130,00 zu den unanständigen Großverdienern, denen man das Einkommen am liebsten wegbesteuern würde.

Mit der SPD kann der nichts anfangen, der fühlt sich noch am ehesten von der CDU vertreten. Das großmäulige Auftreten der Nahles tut ein übriges.

Um dem linken Shitstorm entgegen zu kommen, nicht jeder beim Daimler verdient EUR 71.855,00 im Jahr, aber unter EUR 40.000,00 im Jahr geht hier kaum jemand nach Hause, es ei denn er ist ungelernt.
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closs
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von closs » Sa 12. Mai 2018, 15:20

piscator hat geschrieben: auf der anderen Seite gehört er mit einem Jahreseinkommen von EUR 106.130,00 zu den unanständigen Großverdienern
"Gut situiert" würde ich sagen - und wenn keine Kinder da sind, sogar "reich". - Unter Interessensvertretungs-Gründen kann man in dieser Situation sehr wohl Union oder FDP wählen.

Zum Thema "reich": Neulich wurde mal in der ZEIT eine Tabelle präsentiert, was statistisch als "reich" gilt - das war erstaunlich niedrich. - Bei gut 3000 Euro netto pm und Person ist man da dabei.

Auch etwas anderes darf man nicht vergessen: Dass Facharbeiter so gut bezahlt werden können, was ja gut ist, geht nur deshalb, weil sie auf den SChultern eines Heeres an Niedrigverdienern stehen - ich kenne sehr vielle Leute, die monatlich zwischen 1500 und 2000 Euro netto nach Hause gehen - obwohl sie einen Beruf gelernt haben - und auch wenn nicht, kann es harte Arbeit sein, so wie es auch bei Gelernten harte Arbeit sein kann. - Jetzt lasse solche Leute mal Familie haben: Katastrophe - da wird jeder "Luxus" wie mal eine Pizzaparty feiern (Familienpizza = 30 Euro) zur Hängepartie.

In der neuesten ZEIT steht, dass trotz aller Ungerechtigkeiten noch ein gewisses Maß da sei, da durch die Steuerpolitik Mehrverdienende höher besteuert werden würden - das eigentliche Problem seien die Vermögen, die seit 1997 nicht mehr besteuert werden würden. - Stichwort: Die unteren 50% haben einen Vermögensanteil von 3% (?) und die obersten 3% einen Vermögensanteil von 50% (?) (so in etwa). Hier hat sich der Begriff "Feudal-Kapitalismus" etabliert.

In Zeiten wie den unsrigen geht das alles noch - denn es geht der Mehrheit nach eigenen Aussagen "gut". - Aber lass mal konjunkturelle/demographische Effekte zum SChlechteren kommen, was man in den 20er Jahren erwartet: Dann muss man politisch reagieren, wenn man die Demokratie stabil halten will. - Denn Leistungsungerechtigkeit geht nur so lange, so lange es ausreichend vielen Menschen gut geht.

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piscator
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von piscator » Mo 14. Mai 2018, 10:09

closs hat geschrieben:Zum Thema "reich": Neulich wurde mal in der ZEIT eine Tabelle präsentiert, was statistisch als "reich" gilt - das war erstaunlich niedrich. - Bei gut 3000 Euro netto pm und Person ist man da dabei.
Ich kann mich noch an Aussagen der Jusos erinnern, die vor Jahrzehnten einmal sagten, dass ein monatlichen Einkommen bis DM 5.000,00 okay sei und alles darüber mit 100 % beteuert werden müsste. :lol:
Auch etwas anderes darf man nicht vergessen: Dass Facharbeiter so gut bezahlt werden können, was ja gut ist, geht nur deshalb, weil sie auf den SChultern eines Heeres an Niedrigverdienern stehen - ich kenne sehr vielle Leute, die monatlich zwischen 1500 und 2000 Euro netto nach Hause gehen - obwohl sie einen Beruf gelernt haben - und auch wenn nicht, kann es harte Arbeit sein, so wie es auch bei Gelernten harte Arbeit sein kann. - Jetzt lasse solche Leute mal Familie haben: Katastrophe - da wird jeder "Luxus" wie mal eine Pizzaparty feiern (Familienpizza = 30 Euro) zur Hängepartie.
Das hat einen einfachen Grund. Einnahmen und Ausgaben, wie Löhne und Gehälter, stehen in einem Zusammenhang. Branchen, die wenig Rendite haben, können nur relativ geringe Löhne zahlen. Daimler, Porsche und Audi zahlen extrem gut, die Zulieferer dagegen nicht, da deren Spannen gering sind.
In der neuesten ZEIT steht, dass trotz aller Ungerechtigkeiten noch ein gewisses Maß da sei, da durch die Steuerpolitik Mehrverdienende höher besteuert werden würden - das eigentliche Problem seien die Vermögen, die seit 1997 nicht mehr besteuert werden würden. - Stichwort: Die unteren 50% haben einen Vermögensanteil von 3% (?) und die obersten 3% einen Vermögensanteil von 50% (?) (so in etwa). Hier hat sich der Begriff "Feudal-Kapitalismus" etabliert.
Es kommt immer darauf an, was die Vermögenden mit ihrem Kapital machen. Wenn es in Produktionsmittel und Wohnraum investiert wird, habe ich damit kein Problem. Wer soll denn investieren?? Der Staat macht es nicht und wenn, dann kann man davon ausgehen, dass das nicht funktioniert, siehe Flughafen Berlin etc. Also bleiben die Privaten übrig.
In Zeiten wie den unsrigen geht das alles noch - denn es geht der Mehrheit nach eigenen Aussagen "gut". - Aber lass mal konjunkturelle/demographische Effekte zum SChlechteren kommen, was man in den 20er Jahren erwartet: Dann muss man politisch reagieren, wenn man die Demokratie stabil halten will. - Denn Leistungsungerechtigkeit geht nur so lange, so lange es ausreichend vielen Menschen gut geht.
Das Problem haben wir heute auch schon. Der Normalbürger ist gezwungen, die Sozialkassen zu füllen, von dem viele Menschen profitieren, die nie etwas eingezahlt haben und oft unser Gemeinwesen ablehnen oder diesem sogar feindlich gegenüberstehen.

Es ist unmöglich, dem hart arbeitenden Hilfsarbeiter zu vermitteln, dass die zugewanderte Großfamilie aus dem ehemaligen Ostblock sofort auf Dauer in die Sozialsysteme und darüberhinaus noch von der Politik verhätschelt wird.
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von PeB » Mo 14. Mai 2018, 12:49

closs hat geschrieben: In der neuesten ZEIT steht, dass trotz aller Ungerechtigkeiten noch ein gewisses Maß da sei, da durch die Steuerpolitik Mehrverdienende höher besteuert werden würden - das eigentliche Problem seien die Vermögen, die seit 1997 nicht mehr besteuert werden würden. - Stichwort: Die unteren 50% haben einen Vermögensanteil von 3% (?) und die obersten 3% einen Vermögensanteil von 50% (?) (so in etwa). Hier hat sich der Begriff "Feudal-Kapitalismus" etabliert.
Ein "gewisses Maß"...das ist dann wohl der Restbestand der sozialen Marktwirtschaft, der noch irgendwie schemenhaft durchscheint. ;)
Ich gehöre übrigens zu den "sehr guten" Steuerzahlern - aber leider nicht zu den "sehr guten" Verdienern. Da ist noch Regelungsbedarf.

Ziel der konservativ-liberalen Politik der vergangenen 30 Jahre war ja ganz unverhohlen eine Umverteilung von unten nach oben. Ich will noch nicht einmal per se unterstellen, dass es dabei um Bereicherung ging. Die Maßnahme sollte den Zweck erfüllen, den (reichen) Unternehmern mehr Investitionsmasse zu ermöglichen, damit die Wirtschaft floriert. Das mit dem Florieren hat sogar teilweise funktioniert, aber dabei bleiben nicht Wenige auf der Strecke. Die Quote der von Armut Bedrohten liegt momentan bei 20% (16 Millionen!).
Wohlstand und wirtschaftliches Prosperieren nützt aber nichts, wenn es nicht allen Menschen zugute kommt. Das war auch die ursprüngliche Hoffnung aus der Erfahrung der 60er und 70er Jahre: wenn die "Oberen" nur genug verdienen, fällt schon etwas für die "Unteren" ab. Diese Hoffnung hat sich auch nach 30 Jahren dieser Politik nicht erfüllt. Die Reichen denken überhaupt nicht daran, etwas von ihrem persönlichen, aber gemeinschaftlich erwirtschafteten Reichtum abzugeben.
Die Folge: Millardenbeträge toten Geldes, das der Wirtschaft entzogen ist, schlummern auf Nummerkonten; Millionen prekär lebender Bürger nehmen nicht am Binnenkonsum teil. Beide Faktoren schaden mittelfristig der Volkswirtschaft.

Und die SPD macht mit...um beim Thema zu bleiben. :)
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von closs » Mo 14. Mai 2018, 13:31

piscator hat geschrieben:alles darüber mit 100 % beteuert werden müsste
Warum nur 100%? :lol:
piscator hat geschrieben:Das hat einen einfachen Grund. Einnahmen und Ausgaben, wie Löhne und Gehälter, stehen in einem Zusammenhang. Branchen, die wenig Rendite haben, können nur relativ geringe Löhne zahlen.
Klar - das ist Marktwirtschaft. - Nur soll man so tun, als habe es primär mit der Leistung der Arbeitnehmer zu tun. - Ein Facharbeiter bei einem Zulieferer arbeitet nicht deshalb weniger, weil er weniger Geld bekommt.

Davon abgesehen: Hier ging es darum, dass ein gut untergekommener Facharbeiter (siehe Dein Beispiel) an dem kratzt, was man statistisch "reich" nennt, während sein genauso guter, nicht so gut untergekommener Kollege an dem kratzt, was man "arm" nennt, wenn er Familie hat.
piscator hat geschrieben:Wenn es in Produktionsmittel und Wohnraum investiert wird, habe ich damit kein Problem. Wer soll denn investieren??
Richtig. - Insofern sind Stiftungen auch was Gutes. - Da spart man zwar Steuern, aber das Geld ist nicht schädlich angelegt wie etwa bei Börsenwetten auf Konkurse, etc.
piscator hat geschrieben: Der Normalbürger ist gezwungen, die Sozialkassen zu füllen, von dem viele Menschen profitieren, die nie etwas eingezahlt haben
Wenn man die relativ wenigen "Faulenzer" abzieht, sind das Leute, die einfach nicht einzahlen KÖNNEN. - Der Konstruktions-Fehler ist, dass die Nutznießer von Niedriglöhnen, etc. nicht für die Folgen zahlen müssen, sondern der Normalbürger.
piscator hat geschrieben:Es ist unmöglich, dem hart arbeitenden Hilfsarbeiter zu vermitteln, dass die zugewanderte Großfamilie aus dem ehemaligen Ostblock sofort auf Dauer in die Sozialsysteme und darüberhinaus noch von der Politik verhätschelt wird.
Stimmt - das ist ein echtes Problem. - Hier wäre wirklich zu klären, ob man 184 Euro Kindergeld x 5 nach Rumänien schicken muss, wenn nur der Mann in Deutschland arbeitet - gefällt mir selber nicht. - Mal eine Info, die Wasser auf Deinen Mühlen ist: Es gibt inzwischen regelrechten Sozialleistungs-Tourismus in Europa, für den Rumänen und Bulgaren berüchtigt sind. - Andererseits: Das ist der Preis dafür, dass diese beiden Länder vollkommen verfrüht in die EU aufgenommen wurden, weil es die Nato so wollte - das war eine rein militär-strategische Entscheidung.

Andererseits ist Grundsicherung ein Grundrecht - dieses kann man nicht dadurch aushebeln, dass man Hilfsarbeitern so wenig gibt, um deshalb die Grundsicherung runterzufahren.

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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von piscator » Mo 14. Mai 2018, 14:09

closs hat geschrieben:Klar - das ist Marktwirtschaft. - Nur soll man so tun, als habe es primär mit der Leistung der Arbeitnehmer zu tun. - Ein Facharbeiter bei einem Zulieferer arbeitet nicht deshalb weniger, weil er weniger Geld bekommt.
Immer noch besser als der Sozialismus, da bekommt jeder das Gleiche, es gibt aber nichts mehr, was er dafür kaufen könnte. :lol:
Davon abgesehen: Hier ging es darum, dass ein gut untergekommener Facharbeiter (siehe Dein Beispiel) an dem kratzt, was man statistisch "reich" nennt, während sein genauso guter, nicht so gut untergekommener Kollege an dem kratzt, was man "arm" nennt, wenn er Familie hat.
Das ist sicher richtig, aber nicht zu ändern.
Mal eine Info, die Wasser auf Deinen Mühlen ist: Es gibt inzwischen regelrechten Sozialleistungs-Tourismus in Europa, für den Rumänen und Bulgaren berüchtigt sind. - Andererseits: Das ist der Preis dafür, dass diese beiden Länder vollkommen verfrüht in die EU aufgenommen wurden, weil es die Nato so wollte - das war eine rein militär-strategische Entscheidung.
Das mag sein, hilft aber dem hart arbeitenden Normalbürger nicht. Und genau da liegt der soziale Sprengstoff.
Abgesehen davon bietet das Ganze auch Vorteile. Früher musste ich viel Geld ausgeben, wenn ich in nach Bulgarien in den Urlaub wollte, heute muss ich nur aus dem Haus und 20 Meter gehen. :lol:

Das Ganze ist allerdings zurzeit nur dadurch noch etwas überschaubar, da nicht genug Wohnungen in meinen Kaff verfügbar sind, sonst würden ganze Dörfer aus Bulgarien oder Rumänien herziehen. :lol:
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von PeB » Mo 14. Mai 2018, 14:32

closs hat geschrieben:
piscator hat geschrieben:Wenn es in Produktionsmittel und Wohnraum investiert wird, habe ich damit kein Problem. Wer soll denn investieren??
Richtig. - Insofern sind Stiftungen auch was Gutes. - Da spart man zwar Steuern, aber das Geld ist nicht schädlich angelegt wie etwa bei Börsenwetten auf Konkurse, etc.
Im Prinzip ja. Aber wir brauchen nicht nur Wohnraum, der lukrativ vermarktet werden kann, sondern vor allem solchen, den sich ärmere Menschen auch leisten können. Deswegen können derartige Investitionen nicht nur Privaten überlassen bleiben, die gerechtfertigterweise ein Interesse an größtmöglichem Profit haben, sondern gerade sozialer Wohnungsbau und andere Belange der Daseinsfürsorge sind primäre Aufgaben des Staates, der die Grundversorgung seiner Bürger sicherstellen muss. Dafür braucht es Steuereinnahmen (und nicht nur für die Erhöhung des Wehretats). Ich möchte gerne (als "guter Steuerzahler, der viel von seinem Einkommen abtritt) dafür werben, Steuern als etwas Gutes anzusehen, das der Gemeinschaft nutzt und nicht nur als lästige Abgabe vom sauer Verdienten.
closs hat geschrieben:
piscator hat geschrieben: Der Normalbürger ist gezwungen, die Sozialkassen zu füllen, von dem viele Menschen profitieren, die nie etwas eingezahlt haben
Wenn man die relativ wenigen "Faulenzer" abzieht, sind das Leute, die einfach nicht einzahlen KÖNNEN. - Der Konstruktions-Fehler ist, dass die Nutznießer von Niedriglöhnen, etc. nicht für die Folgen zahlen müssen, sondern der Normalbürger.
Eine Marktwirtschaft - sowie jedes andere Wirtschaftsmodell - muss sich mit dem grundsätzlichen Gedanken vertraut machen, dass es immer eine begrenzte Zahl von Menschen gibt, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht am Volkswirtschaftsertrag mitwirken. Die Entscheidung, die Staat zu treffen hat, lautet: verhungern lassen oder mitversorgen? Ein demokratisch verfasster Staat, der die Menschenrechte zur Grundlage hat, muss alle seine Bürger mitversorgen. Insofern darf sich diese Frage nicht stellen. Es müssen andere Maßnahmen geschaffen werden, um einen Anreiz für die Mitwirkung an der Volkswirtschaft zu bewirken. Höhere Gehälter beispielsweise im Niedrigsektor.
closs hat geschrieben:
piscator hat geschrieben:Es ist unmöglich, dem hart arbeitenden Hilfsarbeiter zu vermitteln, dass die zugewanderte Großfamilie aus dem ehemaligen Ostblock sofort auf Dauer in die Sozialsysteme und darüberhinaus noch von der Politik verhätschelt wird.
Stimmt - das ist ein echtes Problem. - Hier wäre wirklich zu klären, ob man 184 Euro Kindergeld x 5 nach Rumänien schicken muss, wenn nur der Mann in Deutschland arbeitet.
Das ist leider umso ungerechter als einem Hartz-IV-Empfänger das Kindergeld vollständig angerechnet wird, so dass ihm am Ende nicht mehr bleibt als der Hartz-IV-Satz. Der Hilfsarbeiter (egal woher) hat es dabei noch vergleichsweise gut.
piscator hat geschrieben:Andererseits ist Grundsicherung ein Grundrecht - dieses kann man nicht dadurch aushebeln, dass man Hilfsarbeitern so wenig gibt, um deshalb die Grundsicherung runterzufahren.
Andererseits wird dieses Grundrecht bei Hartz-IV-Bezug ausgehebelt - und zwar durch Sanktionen. Einem wiederholt säumigen Hartz-IV-Empfänger können bis zu 30% seines Existenzminimums gestrichen werden. Einem jugendlichen Hartz-IV-Empfänger wird oftmals beim ersten Regelverstoß bereits 100% seines Bezuges gestrichen. In einem beträchtlichen Umfang sind derartige Sanktionen auch üblich, wenn es sich um Familien oder Alleinerziehende mit Kindern handelt. Für mich stellt sich die Frage, inwieweit man hier Kinder mitsanktionieren darf und grundsätzlich muss man fragen, was ein Existenzminimum (in Definition des Hartz-IV-Bezuges) noch bedeutet, wenn dieses Minimum staatlicherseits unterlaufen werden kann. Das ist nicht nur ein Fehler im System, sondern menschenrechtswidriges Vorgehen.
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von closs » Mo 14. Mai 2018, 14:40

piscator hat geschrieben:Immer noch besser als der Sozialismus
Du sagst "Sozialismus" und meinst anscheinend "Kommunismus". - Die SPD will als Ideal eine leistungsgerechte Marktgesellschaft.
piscator hat geschrieben:Das ist sicher richtig, aber nicht zu ändern.
Richtig - um so wichtiger wäre, dass man nicht von "Leistungsgesellschaft" spricht und "Geldvermögen" meint. - Denn der Facharbeiter, der zusammen mit seiner Frau 100.000 Euro pa hat, leistet nicht mehr als sein Kollege, der bei einem weniger finanzstarken Arbeitgeber arbeitet und Familie hat. - Da wird viel Porzellan von der öffentlichen Darstellung zerdeppert.
piscator hat geschrieben:Das mag sein, hilft aber dem hart arbeitenden Normalbürger nicht. Und genau da liegt der soziale Sprengstoff.
Richtig - aber dafür kann der Grundsicherungs-Abhängige nichts dazu - dazu werden übrigens in ca. 10 Jahren ein Viertel bis ein Drittel aller Rentner gehören, die ein Leben lang frühs um 7 Uhr mit ihrem Arbeitstag begonnen haben - hier ist was komplett schief gelaufen. - Ganz nebenbei: Wir dürfen nicht vergessen, dass jährlich ca. 80 Milliarden Euro als Folgen der deutschen Einheit ausgegeben werden müssen, die - fälschlicherweise - unter "Sozialkosten" verbucht werden.
piscator hat geschrieben:Das Ganze ist allerdings zurzeit nur dadurch noch etwas überschaubar, da nicht genug Wohnungen in meinen Kaff verfügbar sind, sonst würden ganze Dörfer aus Bulgarien oder Rumänien herziehen.
Ex oriente lux. :lol:

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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von PeB » Mo 14. Mai 2018, 14:49

piscator hat geschrieben:Immer noch besser als der Sozialismus, da bekommt jeder das Gleiche, es gibt aber nichts mehr, was er dafür kaufen könnte.
Das ist wohl die historische Tatsachenerfahrung, von dem der real existierende Kapitalismus heute profitiert. Mal abgesehen vom - gelinde gesagt - Demokratiedefizit der damaligen Ostblockstaaten muss man doch feststellen, dass die sozialistischen Wirtschaften dieser Staaten in eine gesamtkapitalistische Weltwirtschaft engebunden waren. Insofern unterlagen die sozialistischen Produktionsverhältnisse dem Weltmarkt. Das hat dazu geführt, dass die sozialistische Wirtschaft in Konkurrenz stand - was nicht Anliegen und Ziel sozialistischer Wirtschaft ist und sein kann. Ihr Ziel ist primär die gemeinwirtschaftliche Versorgung durch gemeinschaftliche Leistung. Wenn innerhalb oder in Bezug zu diesem System profitorientierte Bereiche mit der Maximierung von Privatvermögen mitwirken, dann fließt ein Teil der Gemeinschaftsleitung in privates Kapital und ist damit dem System entzogen. Innerhalb einer kapitalistischen Weltwirtschaft kann Sozialismus nicht funktionieren.
Aber dass es auch anders geht und anders gehen muss, zeigt unser heutiges Verständnis von der Endlichkeit der Ressourcen. Wir haben doch längst verstanden, dass wir nicht immer weiter Raubbau betreiben können. Es muss daher ressourcenschonend geplant werden. Wir nennen das heute innerhalb des kapitalistischen Systems eine "bedarfsorientierte Produktion", weil wir die Begriffe "Planwirtschaft" und "Sozialismus" scheuen.
Ich empfehle: Josef Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie (1942).
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von closs » Mo 14. Mai 2018, 14:49

PeB hat geschrieben:Aber wir brauchen nicht nur Wohnraum, der lukrativ vermarktet werden kann, sondern vor allem solchen, den sich ärmere Menschen auch leisten können.
Richtig - das wäre auch möglich. - Ein aktuell werdender Ansatz ist das "Erbbaurecht": Der Staat verpachtet ein Privatgrundstück für wenig Geld, so dass auch nicht sehr Begüterte bauen können. - Der nächste Gedanke wäre: Der Staat verpachtet an Bauunternehmer, die Planungsauflagen bekommen ("max. x Euro per qm für 10 Jahre", oä).
PeB hat geschrieben:Eine Marktwirtschaft - sowie jedes andere Wirtschaftsmodell - muss sich mit dem grundsätzlichen Gedanken vertraut machen, dass es immer eine begrenzte Zahl von Menschen gibt, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht am Volkswirtschaftsertrag mitwirken.
Das wären DANN weniger, wenn man "Erziehung von Kindern" als volkswirtschaftlichen Job anerkennen würde - in der Wirtschaft nennt man das "F+E" ("Forschung und Entwicklung").

Wir haben 4 Kinder, die, wie es aussieht, zusammen 10 Kinder haben könnten (momentan sind es 6) - dafür müsste meine Frau, die ihr Leben lang eigene (und einzelkind-verwahrloste fremde!) Kinder erzogen hat, mindestens 1000 Euro Rente bekommen, WENN es leistungs-gerecht zuginge.
PeB hat geschrieben:Das ist leider umso ungerechter als einem Hartz-IV-Empfänger das Kindergeld vollständig angerechnet wird, so dass ihm am Ende nicht mehr bleibt als der Hartz-IV-Satz. Der Hilfsarbeiter (egal woher) hat es dabei noch vergleichsweise gut.
So ist es - die alleinerziehende Mutter sitzt zuhause und kommt nicht zum Arbeiten fort und kriegt alles weggekürzt - der "Hilfsarbeiter" macht nebenbei 500 Euro schwarz.
PeB hat geschrieben:Für mich stellt sich die Frage, inwieweit man hier Kinder mitsanktionieren darf und grundsätzlich muss man fragen, was ein Existenzminimum (in Definition des Hartz-IV-Bezuges) noch bedeutet, wenn dieses Minimum staatlicherseits unterlaufen werden kann. Das ist nicht nur ein Fehler im System, sondern menschenrechtswidriges Vorgehen.
Richtig - zumal solche Dinge manchmal daran scheitern, dass das Versäumnis dadurch zustande kam, dass kein Geld mehr für den Bus zum Amt da war. - Es gibt echt dunkle Seiten in unserer Gesellschaft.

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