Die SPD und ihre Identitätskrise

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PeB
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von PeB » Mo 14. Mai 2018, 15:44

closs hat geschrieben:
PeB hat geschrieben:Aber wir brauchen nicht nur Wohnraum, der lukrativ vermarktet werden kann, sondern vor allem solchen, den sich ärmere Menschen auch leisten können.
Richtig - das wäre auch möglich. - Ein aktuell werdender Ansatz ist das "Erbbaurecht": Der Staat verpachtet ein Privatgrundstück für wenig Geld, so dass auch nicht sehr Begüterte bauen können. - Der nächste Gedanke wäre: Der Staat verpachtet an Bauunternehmer, die Planungsauflagen bekommen ("max. x Euro per qm für 10 Jahre", oä).
...oder die Förderung genossenschaftlichen Bauens. Es darf auch Wohneigentum für ärmere Menschen geben. Das hilft ihnen, weniger arm zu sein. ;)
closs hat geschrieben:Das wären DANN weniger, wenn man "Erziehung von Kindern" als volkswirtschaftlichen Job anerkennen würde - in der Wirtschaft nennt man das "F+E" ("Forschung und Entwicklung").
Zum Beispiel. Bildung ist noch ein ganz anderes Feld. Das Fass möchte ich ungern aufmachen.
Ich tu's aber trotzdem :lol:
Kinder sind von Natur aus neugierig und lernwillig. Sie saugen Informationen auf wie ein nasser Schwamm und haben noch Spaß dabei. Unser Bildungssystem hat fast ausschließlich den einen Effekt: den kindern diesen Lernspaß auszutreiben.
Das System müsste radikal überdacht werden. Der gängige Frontalunterricht mit festgelegten, leistungsorientierten Lehrpänen stammt noch aus der Zeit, als Schule primär dazu dienen sollte, dem Staat brave, folgsame Soldaten zu erziehen. Das ist nicht mehr zeitgemäß und sogar kontraproduktiv.

Ein anderer punkt ist die Ausnutzung ehrenamtlichen Engagements. Nicht falsch verstehen: auch ich habe immer ehrenamtlich gearbeitet und eine moderne Demokratie kann auch unentgeltliches Engagement seiner Bürger erwarten und das ist ja auch positiv. Wenn aber Ehrenamt zur Einsparung von Personalausgaben missbraucht wird, ist es volkswirtschaftlich schädlich.
Deine Worte sind mein Leben. Ich freue mich von Herzen, wenn du mit mir redest, denn ich gehöre ja dir, Herr, du Allmächtiger. (Jeremia 15,16)

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closs
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von closs » Mo 14. Mai 2018, 15:52

PeB hat geschrieben:Zum Beispiel. Bildung ist noch ein ganz anderes Feld. Das Fass möchte ich ungern aufmachen. Ich tu's aber trotzdem
Das wäre ein Thread.

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piscator
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von piscator » Mo 14. Mai 2018, 17:51

closs hat geschrieben:
PeB hat geschrieben:Für mich stellt sich die Frage, inwieweit man hier Kinder mitsanktionieren darf und grundsätzlich muss man fragen, was ein Existenzminimum (in Definition des Hartz-IV-Bezuges) noch bedeutet, wenn dieses Minimum staatlicherseits unterlaufen werden kann. Das ist nicht nur ein Fehler im System, sondern menschenrechtswidriges Vorgehen.
Richtig - zumal solche Dinge manchmal daran scheitern, dass das Versäumnis dadurch zustande kam, dass kein Geld mehr für den Bus zum Amt da war. - Es gibt echt dunkle Seiten in unserer Gesellschaft.
Und da sind wir wieder beim alten Thema. Diese Menschen sind für die einschlägigen Politschranzen uninteressant, weil man sich mit denen nicht profilieren kann.
Die alleinerziehende Mutter oder die alte Rentnerin sind langweilig. Dagegen ist der schwule, vegan lebende Radfahrer oder der Kleindealer aus Ghana viel interessanter, kann man als links-grüner Gutmensch doch davon ausgehen, dass es sich dabei um keinen Nazi handelt.
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von piscator » Mo 14. Mai 2018, 18:09

closs hat geschrieben:Du sagst "Sozialismus" und meinst anscheinend "Kommunismus". - Die SPD will als Ideal eine leistungsgerechte Marktgesellschaft.
Naja, Kommunismus ist doch Sozialismus+ Elektrizität, oder so ähnlich. Aber was die SPD eigentlich will, dass wissen die Genossen doch selbst nicht. :lol:
Richtig - um so wichtiger wäre, dass man nicht von "Leistungsgesellschaft" spricht und "Geldvermögen" meint. - Denn der Facharbeiter, der zusammen mit seiner Frau 100.000 Euro pa hat, leistet nicht mehr als sein Kollege, der bei einem weniger finanzstarken Arbeitgeber arbeitet und Familie hat.
Das mag richtig sein, wir beide ändern das jedoch nicht.
... dazu werden übrigens in ca. 10 Jahren ein Viertel bis ein Drittel aller Rentner gehören, die ein Leben lang früh um 7 Uhr mit ihrem Arbeitstag begonnen haben - hier ist was komplett schief gelaufen.
Es reicht, wenn man die heutigen Beamtenpensionen mit den entsprechenden Renten vergleicht und dann noch die pauschale Abgabe mit 17 % auf Kapitalabfindungen bei Arbeitnehmern. Bei Beamten oder freiwillig Versicherten übrigens nicht, die sind da fein raus. Rate mal, wer das gemacht hat. Richtig, die SPD, das selbsternannte Sprachrohr des kleinen Mannes.

Und die fragen sich ernsthaft, warum sie keiner mehr wählt?
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von closs » Mo 14. Mai 2018, 18:30

piscator hat geschrieben:Diese Menschen sind für die einschlägigen Politschranzen uninteressant, weil man sich mit denen nicht profilieren kann.
Psychologisch ist das leider richtig, aber das hat weniger mit SPD als mit unserer Gesellschaft an sich zu tun: Man profiliert sich über die Peripherie.
piscator hat geschrieben:Das mag richtig sein, wir beide ändern das jedoch nicht.
Nein - aber man soll endlich ehrlich damit umgehen und nichts was von "LEistungs-Gesellschaft" faseln und "Aufstieg" (wer soll denn die Arbeit "unten" machen?) und "Teilhabe an der Gesellschaft", wenn es ein Viertel der Bevölkerung aufgrund der Umstände nicht kann.
piscator hat geschrieben:Und die fragen sich ernsthaft, warum sie keiner mehr wählt?
Das ist jetzt ungerecht und für eine Gesamt-Bilanz untauglich. - Ohne SPD gäbe es keinen Mindestlohn, keine wenigstens mal Anfangsrente für Mütter, etc - außerdem war es die SPD, die in Rentensachen immer den Kopf dafür hingehalten halt, dass Adenauer (NICHT SPD) sich damals geweigert hat, wenigstens einen Teil der Rente zu kapitalisieren.

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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von PeB » Mo 14. Mai 2018, 19:59

piscator hat geschrieben:
closs hat geschrieben:
PeB hat geschrieben:Für mich stellt sich die Frage, inwieweit man hier Kinder mitsanktionieren darf und grundsätzlich muss man fragen, was ein Existenzminimum (in Definition des Hartz-IV-Bezuges) noch bedeutet, wenn dieses Minimum staatlicherseits unterlaufen werden kann. Das ist nicht nur ein Fehler im System, sondern menschenrechtswidriges Vorgehen.
Richtig - zumal solche Dinge manchmal daran scheitern, dass das Versäumnis dadurch zustande kam, dass kein Geld mehr für den Bus zum Amt da war. - Es gibt echt dunkle Seiten in unserer Gesellschaft.
Und da sind wir wieder beim alten Thema. Diese Menschen sind für die einschlägigen Politschranzen uninteressant...
Noch schlimmer: diese Menschen gehen nicht mehr zur Wahl, weil sie völlig enttäuscht und desillusioniert sind. Sie sind als Wahlvieh daher nicht von nutzen. Auch hier reguliert der Markt den Preis. Der arme Nichtwähler ist nichts wert.
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von closs » Mo 14. Mai 2018, 20:19

PeB hat geschrieben:Noch schlimmer: diese Menschen gehen nicht mehr zur Wahl, weil sie völlig enttäuscht und desillusioniert sind. Sie sind als Wahlvieh daher nicht von nutzen. Auch hier reguliert der Markt den Preis. Der arme Nichtwähler ist nichts wert.
Wir sollten nicht ganz schwarzmalen - in Deutschland verhungert keiner, was alles andere als selbstverständlich ist. - Aber diese institutionalisierte Verlogenheit kotzt an.

Davon abgesehen: Wir haben eine Demokratie - und diesen Satz darf man auch als Drohung verstehen. - Die letzte Diktatur Deutschlands wurde demokratisch herbeigeführt. - Die aus meiner Sicht realistische Variante dazu könnte eine Orban-Lösung sein, wenn ein "starker Mann" (innerhalb der Demokratie !) auftaucht und Klartext spricht, glaubhaft vermittelt, dass er auf der Seite der "einfachen Menschen" steht und dem ritualisierten Plastikmüll aus Sprache, Bildung und Aufrichtigkeit eine Absage erteilt. - Macron ist ein Positiv-Beispiel dafür - vielleicht haben wir genauso viel Glück.

MEIN Modell ist das nicht - aber wenn mit Freiheit und Selbstverantwortung so verlogen umgegangen wird wie bei uns, muss man sich nicht wundern, wenn der Satz kommt: "Demokratie: Zurück ins Glied. - Die Zeiten werden jetzt schwerer, wir können uns jetzt nicht mit dekadenten Allüren aufhalten".

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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von piscator » Di 15. Mai 2018, 10:36

closs hat geschrieben:Davon abgesehen: Wir haben eine Demokratie - und diesen Satz darf man auch als Drohung verstehen. - Die letzte Diktatur Deutschlands wurde demokratisch herbeigeführt. - Die aus meiner Sicht realistische Variante dazu könnte eine Orban-Lösung sein, wenn ein "starker Mann" (innerhalb der Demokratie !) auftaucht und Klartext spricht, glaubhaft vermittelt, dass er auf der Seite der "einfachen Menschen" steht und dem ritualisierten Plastikmüll aus Sprache, Bildung und Aufrichtigkeit eine Absage erteilt. - Macron ist ein Positiv-Beispiel dafür - vielleicht haben wir genauso viel Glück.
Da vor habe ich keine Angst. Unsere System unterscheidet sich grundlegend von den politischen Systemen in Frankreich oder beispielswiese der USA. Wir praktizieren eine Konsensdemokratie, politische Entscheidungen werden in der Regel im weitgehenden politischen Einverständnis getroffen, was das Ganze zuweilen schwerfällig und auch "langweilig" macht, aber wirksam verhindert, dass sich die Politik auf eine einige Person konzentriert. Marcon wirkt auf uns wie ein Superstar, aber manchmal ist Frankreich näher an Louis XIV, denn an Macron.
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von piscator » Di 15. Mai 2018, 10:38

PeB hat geschrieben:Noch schlimmer: diese Menschen gehen nicht mehr zur Wahl, weil sie völlig enttäuscht und desillusioniert sind. Sie sind als Wahlvieh daher nicht von nutzen. Auch hier reguliert der Markt den Preis. Der arme Nichtwähler ist nichts wert.
Deswegen sympathisieren die Sozialisten gelegentlich auch mit der Idee, Kinder über ihre Eltern wählen zu lassen oder Migranten sofort das allumfassende Wahlrecht einzuräumen.
Wenn das Kreuzchen aus Sicht dieser Parteien an der richtigen Stelle gemacht wird, braucht man die alten "langweiligen" Wählerschichten nicht mehr.
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Re: Die SPD und ihre Identitätskrise

Beitrag von PeB » Di 15. Mai 2018, 11:10

piscator hat geschrieben:Deswegen sympathisieren die Sozialisten gelegentlich auch mit der Idee, Kinder über ihre Eltern wählen zu lassen oder Migranten sofort das allumfassende Wahlrecht einzuräumen.
Ich sympathisiere damit ;)
Aber aus gutem Grund. Demokratie bedeutet die Beteiligung Aller an der Gesellschaft. Es ist für mich nicht grundsätzlich nachvollziehbar, warum der Wille von kindern nicht auch in die politische Entscheidungsfindung einfließen sollte. Vielleicht würde das die Gesellschaft kinderfreundlicher machen (ganz sicher sogar).
Dagegen wird immer argumentiert, Kinder seien nicht entscheidungsfähig, unvernünftig, würden nichts von Politik verstehen und sollen sich doch mit den "schönen Dingen" des Lebens beschäftigen.. Mit Verlaub: das dürfte bereits auf mindestens 50% der heutigen Wahlbürger zutreffen. Zudem handelt es sich dabei um das gleiche Argument, mit dem vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht abgelehnt wurde: nicht entscheidungsfähig, unvernünftig, würden nichts von Politik verstehen und sollen sich doch mit den "schönen Dingen" des Lebens beschäftigen. ;)
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