Shakespeare: Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen

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Demian
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Shakespeare: Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen

Beitrag von Demian » So 3. Aug 2014, 17:05

Shakespeare

Das Fest ist jetzt zu Ende.
Unsere Spieler, wie ich euch sagte, waren Geister
Und sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.
Wie dieses Scheines lockrer Bau
So werden die wolkenhohen Türme, die Paläste,
Die hehren Tempel, selbst der große Ball.
Ja, was nur Teil hat, untergehn,
Und, wie dieses leere Schaugepräng erblaßt,
Spurlos verschwinden.
Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen,
Unser kleines Leben umfaßt ein Schlaf.


...



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closs
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Re: Shakespeare: Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen

Beitrag von closs » So 3. Aug 2014, 17:24

Shakespeare

Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und geben wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen
Durch sieben Akte hin. Zuerst das Kind,
Das in der Wärtrin Armen greint und sprudelt;
Der weinerliche Bube, der mit Bündel
Und glattem Morgenantlitz wie die Schnecke
Ungern zur Schule kriecht; dann der Verliebte,
Der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied
Auf seiner Liebsten Braun; dann der Soldat,
Voll toller Flüch und wie ein Pardel bärtig,
Auf Ehre eifersüchtig, schnell zu Händeln,
Bis in die Mündung der Kanone suchend
Die Seifenblase Ruhm. Und dann der Richter
Im runden Bauche, mit Kapaun gestopft,
Mit strengem Blick und regelrechtem Bart,
Voll weiser Sprüch und Allerweltssentenzen
Spielt seine Rolle so. Das sechste Alter
Macht den besockten, hagern Pantalon,
Brill auf der Nase, Beutel an der Seite;
Die jugendliche Hose, wohl geschont,
'ne Welt zu weit für die verschrumpften Lenden;
Die tiefe Männerstimme, umgewandelt
Zum kindischen Diskante, pfeift und quäkt
In seinem Ton. Der letzte Akt, mit dem
Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,
Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen,
Ohn Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles.

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Re: Shakespeare: Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen

Beitrag von Pluto » So 3. Aug 2014, 17:52

Was mir bei beiden Zitaten von Schakespeare auffält ist sein fester Glaube an die Vergänglichkeit allen Lebens.
Demian hat geschrieben:Ja, was nur Teil hat, untergehn,
Und, wie dieses leere Schaugepräng erblaßt,
Spurlos verschwinden.
Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen,
Unser kleines Leben umfaßt ein Schlaf.
closs hat geschrieben:Shakespeare
Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und geben wieder ab,
[...]
In seinem Ton. Der letzte Akt, mit dem
Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,

Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen,
Ohn Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles.
Fazit:
Shakespeare glaubte nicht an ein ewiges Leben.
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

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Re: Shakespeare: Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen

Beitrag von closs » So 3. Aug 2014, 18:06

Pluto hat geschrieben:Shakespeare glaubte nicht an ein ewiges Leben.
Eine sehr voreilige Schlussfolgerung. - Wie interpretierst Du: "Though the bark cannot be lost/Yet it shall be tempest-tost" -- ? --

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Re: Shakespeare: Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen

Beitrag von Demian » So 3. Aug 2014, 18:44

Wer träumt den Traum?

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Re: Shakespeare: Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen

Beitrag von Demian » So 3. Aug 2014, 19:03

Sehr interessant ist übrigens "Shakespeare oder das Auge Gottes" der französischen Philosophin Nicole Marchand..."Die französische Philosophin Nicole Marchand beweist, dass Shakespeare in die uralte Lehre des Hermes Trismegistos, die im Europa der Renaissance wieder auflebte, eingeweiht gewesen sein muss. Er bezog seine künstlerischen und ethischen Maßstäbe, sein inneres "geistiges Auge", aus eigenen hermetischen Erfahrungen. Damit blickte er in die Welt, damit konnte er klar zwischen Sein und Schein unterscheiden. Er beschrieb die prekäre Lage des Menschen zwischen dem vergänglichen kosmischen, okkulten oder menschlichen Bösen, und dem Drang, sein unvergängliches innerstes Wesen zu verwirklichen. Shakespeare Dramen sind nichts anderes als getreue Widerspiegelungen der Dramen in der menschlichen Brust. Sie zeigen, wie das Böse zu überwinden un der ursprüngliche, spirituelle Zustand des Menschen, in dem die "Rose unschuldsvoller Liebe an der Stirn " (Hamlet) wieder erblüht, zu erlangen ist."

Quelle

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Re: Shakespeare: Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen

Beitrag von Pluto » So 3. Aug 2014, 22:59

closs hat geschrieben:
Pluto hat geschrieben:Shakespeare glaubte nicht an ein ewiges Leben.
Eine sehr voreilige Schlussfolgerung.
Du vergisst, lieber closs, dass ich in der Schule Shakespeare gepaukt habe, während du dich mit Goethe abgeplagt hast.
closs hat geschrieben:Wie interpretierst Du: "Though the bark cannot be lost/Yet it shall be tempest-tost" -- ? --
"Bark" bedeutet hier weder die Rinde eines Baums noch das Gebell eines Hunds, sondern Boot oder Schiff (vom französichen la barque).
Diese Strophen werden von der "ersten Hexe" in Macbeth gesprochen.
Sie bedeuten so viel wie: "Obwohl sein Schiff nicht verloren gehen kann, wird es vom Sturm schwer betroffen".

Ein ungläubiger Shakespeare muss nicht in jeder Strophe seinen Unglauben lautstark verkünden.
Schließlich war er Poet.
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

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Re: Shakespeare: Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen

Beitrag von closs » So 3. Aug 2014, 23:16

Pluto hat geschrieben:Diese Strophen werden von der "ersten Hexe" in Macbeth gesprochen.
Bravo - Du bist ja noch gut drauf. :thumbup:
Pluto hat geschrieben:Sie bedeuten so viel wie: "Obwohl sein Schiff nicht verloren gehen kann, wird es vom Sturm schwer betroffen".
So ist es - und darauf wollte ich raus. - Ist das nicht ein Hinweis darauf, dass die menschliche Existenz zwar geschüttelt und gerüttelt werden kann, aber nicht untergehen kann?
Pluto hat geschrieben:Du vergisst, lieber closs, dass ich in der Schule Shakespeare gepaukt habe, während du dich mit Goethe abgeplagt hast.
Wurde bei Euch Shakespeare als "Ungläubiger" vermittelt?

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Re: Shakespeare: Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen

Beitrag von Pluto » So 3. Aug 2014, 23:26

closs hat geschrieben:
Pluto hat geschrieben:Sie bedeuten so viel wie: "Obwohl sein Schiff nicht verloren gehen kann, wird es vom Sturm schwer betroffen".
So ist es - und darauf wollte ich raus. - Ist das nicht ein Hinweis darauf, dass die menschliche Existenz zwar geschüttelt und gerüttelt werden kann, aber nicht untergehen kann?
Nicht unbedingt.
Es könnte auch bloß heißen, dass er (Macbeth) einen Schutzengel hatte, der stärker war als die Hexen.
closs hat geschrieben:
Pluto hat geschrieben:Du vergisst, lieber closs, dass ich in der Schule Shakespeare gepaukt habe, während du dich mit Goethe abgeplagt hast.
Wurde bei Euch Shakespeare als "Ungläubiger" vermittelt?
Nein. Das habe ich mir selber erarbeitet.
In gewisser Weise hat Demian es auch bestätigt. http://4religion.de/viewtopic.php?p=84993#p84993
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

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Re: Shakespeare: Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen

Beitrag von Pluto » So 3. Aug 2014, 23:41

closs hat geschrieben:
Pluto hat geschrieben:Diese Strophen werden von der "ersten Hexe" in Macbeth gesprochen.
Bravo - Du bist ja noch gut drauf. :thumbup:
Das ist in Zeiten des Internets nicht schwer, wo doch Shakespeares gesammelte Werke vorliegen. :oops:
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

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