"Der Gast" von Paul Celan

Literatur, Malerei, Bildhauerei
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fin
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Re: "Der Gast" von Paul Celan

Beitrag von fin » Mi 28. Jun 2017, 12:21

Thaddäus hat geschrieben:Der Gast
Lange vor Abend
kehrt bei dir ein, der den Gruß getauscht mit dem Dunkel.
Lange vor Tag
wacht er auf
und facht, eh er geht, einen Schlaf an,
einen Schlaf, durchklungen von Schritten:
du hörst ihn die Fernen durchmessen
und wirfst deine Seele dorthin.


Seht auch ihr in diesem Gast den Tod?
Ein Nachkomme sieht ihn wie folgt ...

-

Dieses unaufhörliche beharrliche Sterben,
dieser lebendige Tod,
der dich mordet, oh Gott,
in deinem unerbittlichen Werk,
in den Rosen, in den Steinen,
in den unbezwingbaren Sternen
und in dem Fleisch, das niederbrennt
wie ein Freudenfeuer, entzündet durch ein Lied,
einen Traum,
ein Farbton, der das Auge trifft.

... und du, du selbst,
starbst vielleicht Ewigkeiten von hier,
ohne dass wir davon erfuhren,
wir - Bodensatz, Krumen und Asche von dir;
du, der du immernoch gegenwärtig bist,
wie ein Stern, vorgetäuscht durch sein Licht,
ein leeres Licht ohne Stern,
dass uns erreicht,
verborgen
in seiner unendlichen Katastrophe.

(Vermutlich Jose Gorostiza - dt. Übersetzung gemäß "Kraft der Stille", Castaneda)

Novas
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Re: "Der Gast" von Paul Celan

Beitrag von Novas » Mi 28. Jun 2017, 14:46

Thaddäus hat geschrieben:Ich liebe den deutschen Dichter Paul Celan (ich liebe auch den Franzosen Albert Camus und seinen Le Mythe de Sisyphe)
Da sammelst Du gleich Pluspunkte bei mir, denn Celan gehört zu meinen Lieblingsdichtern :) er hat mein Sprachverständnis sehr revolutioniert. Eine Weile war ich regelrecht besessen von ihm und habe versucht ihn zu imitieren. Seine gesammelten Gedichte hatte ich eine lange Zeit ständig bei mir.

Bild
Der Gast

Lange vor Abend
kehrt bei dir ein, der den Gruß getauscht mit dem Dunkel.
Lange vor Tag
wacht er auf
und facht, eh er geht, einen Schlaf an,
einen Schlaf, durchklungen von Schritten:
du hörst ihn die Fernen durchmessen
und wirfst deine Seele dorthin.


Als ich dieses Gedicht zum ersten Mal mit 15 Jahren las, wurde ich sofort sehr traurig, war aber gleichtzeitig fasziniert. Seitdem beschäftigt mich dieses Gedicht im Herzen.
Für mich ist dieser Gast der Tod.
Der Argentinier tendiert nicht zur Schwermut. Vielleicht ist es auch nur das Erbe meiner deutschen Mutter.
Aber wenn ich einmal sterbe, dann werde ich an dieses Gedicht denken. Dessen bin ich mir sicher.

Seht auch ihr in diesem Gast den Tod?
Mit dem aller Erfahrungen und Erschütterungen seiner Sprache auf das schmerzlichste eingedenk bleibenden Gedicht schreiben wir uns einem notwendig, einem unabdingbar Wirklichen zu.
Paul Celan, Entwürfe zu Der Meridian




Catholic hat geschrieben:Der Gedanke erinnert mich an die Ars moriendi,die "Kunst zu sterben",wie sie im Hochmittelalter ein feststehender Begriff war,weil die Menschen überzeugt war,dass es nicht nur wichtig war zu leben,sondern auch richtig vorbereitet zu sterben
Die Kunst des Lebens ist die Kunst des Sterbens, beides ist eins. In gewisser Weise ist das ganze Leben eine unablässige Abfolge von Sterben und Wiedergeburt. Wir müssen jeden Augenblick loslassen, um den nächsten in Empfang nehmen zu können. Die Erinnerung an den Tod (memento mori) hilft uns dabei das Leben mit mehr Bewusstheit zu leben, denn jeder Tag könnte der letzte sein. Wir haben keinerlei Gewissheit, dass wir noch eine Zugabe bekommen werden.

Was also würden wir tun, wenn dies der einzige Tag ist, den es gibt?
Thaddäus hat geschrieben:Aber er kämpft, bis zum Ende kämpft er dann, weil er bemerkt, wie kostbar das Leben ist und wie traurig der Tod, - deshalb muss ich weinen.
Traurig, ja, aber eine Traurigkeit die uns nach Hause führt.
Wo gehn wir denn hin?
Immer nach Hause ~

Friedrich Freiherr von Hardenberg (Novalis)

Das ist der gemeinsame Glaube - die Lebenskunst - welche das Judentum, Christentum und der Islam miteinander verbindet, denn sie verstehen das ganze menschliche Leben als eine spirituelle Pilger-Reise der Seele, die schließlich zur Heimkehr führend wird: „Wahrlich, zu Gott gehören wir und zu Ihm ist die Heimkehr“
Inna lillahi wa inna ilayhi raji'un (إِنَّا لِلّهِ وَإِنَّـا إِلَيْهِ رَاجِعونَ)
Quran 2:156

Novas
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Re: "Der Gast" von Paul Celan

Beitrag von Novas » Mi 28. Jun 2017, 15:52

Thaddäus hat geschrieben:
closs hat geschrieben: Man wirft die Seele nicht dorthin, wo der Tod in der Ferne ist.
Und wenn man sterben will?

Nicht, weil man ein Selbstmörder ist, sondern eher, weil man fühlt, dass die Zeit, - vielleicht weil man alt und und gebrechlich und einfach lebenssatt geworden ist, - jetzt gekommen ist; - und - man - gehen - muss? !

Es gibt buddhistische Mönche, welche den Tod schon lange Zeit vorher nahen spüren, weil sie aufgrund ihrer meditativen Praxis die verbliebene Lebensenergie im Körper wahrnehmen können und so deutlich wissen, wenn ihr Erdenleben in die letzte Runde geht. Dann bereiten sie sich schon Wochen oder Monate vorher auf den Übergang vor. Im Islam stellt man sich den Tod als einen Engel und nicht eine gesichtslose Macht vor:
„Sprich: „Der Engel des Todes, der über euch eingesetzt wurde, wird euch abberufen; dann werdet ihr zu eurem Herrn zurückgebracht.““ (Sûra 32, Vers 11).
ʿIzrāʾīl oder Azrael (arabisch عزرائیل) nennen sie den mālik al-maut („Engel des Todes“) er wird zu den vier Erzengeln gezählt. Bei diesem Gedicht stelle ich mir den Engel des Todes als den Gast vor:

Der Gast

Lange vor Abend
kehrt bei dir ein, der den Gruß getauscht mit dem Dunkel.
Lange vor Tag
wacht er auf
und facht, eh er geht, einen Schlaf an,
einen Schlaf, durchklungen von Schritten:
du hörst ihn die Fernen durchmessen
und wirfst deine Seele dorthin.

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Re: "Der Gast" von Paul Celan

Beitrag von Novas » Mi 28. Jun 2017, 16:55

Der Tod von Rumi

Wenn sie am Tage des Todes
Tief in die Erde mich senken,
dass dann mein Herz noch auf Erden weile, darfst du nicht denken…
Siehst meine Bahre du ziehen, lass das Wort „Trennung“ nicht hören,
weil mir dann ewig ersehntes Treffen und Finden gehören.
Klage nicht: „Abschied, ach Abschied“,
wenn man ins Grab mich geleitet:

Ist mir doch selige Ankunft hinter dem Vorhang bereitet.

Hast du das Sinken gesehen, sieh auch das Auferstehen!
Schadet es denn, wenn die Sonne,
Sterne und Mond untergehen?!
Scheinen sie auch zu sinken,
ist`s doch in Wahrheit ein Aufgang,
Scheint dir ein Kerker das Grab auch,
ist`s doch zur Freiheit der Ausgang.

Fiel je ein Korn in die Erde,
das sich nicht köstlich entfaltet?
Glaubst du denn, dass sich das Korn des Menschen anders gestaltet?
Jeglichen Krug, der sinket, hebst du gefüllt aus der Quelle,
Sieh, auch dem Josef der Seele
Strahlt in der Grube die Helle!
Schließe den Mund jetzt im Diesseits,
öffne im Jenseits ihn wieder,
dass in der Welt, da kein Ort ist –
ewig ertönen die Lieder…


:engel:

Mevlana Jelaluddin Rumi [1207-1273]

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